Reviews on necessità di interrogare il cielo
Am besten gelang dies Marcus Weiss mit seiner Aufführung von Giorgio Nettis « necessitá d'interrogare il cielo » (1995-1998). In den drei vorgetragenen Teilen des monumentalen Solo-Zyklus erkundete Weiss quasi mit dem Mikroskop die Klangmöglichkeiten seines Sopransaxofons. Es hatte etwas Priesterliches, wie er da vorne im Zentrum der Martinskirche stand und den nicht gerade vollgestopften Raum mit beständig anders schillernden Mehrfachklängen des Instruments füllte und trotzdem eine Musik spielte, die während dieser knappen Stunde biblische Unveränderbarkeit bewies. Wie hier das Ohr nicht eine einzelne Tonhöhe verfolgen kann, sondern beständig zwischen Ober- und Untertönen schwanken muss, Tongestalt und -schatten schwer nur auseinanderhaltend, so fliesst auch die Musik ohne erkennbaren Rhythmus, ohne klar unterteilte Zeit, und bindet dennoch unsere Aufmerksamkeit an die minimalen Finessen des von Weiss souverän dargestellten Saxofon-Klangkosmos. Flugs verstrich so eine Ewigkeit.
Nathalie Kaufmann
BaZ (Basler Zeitung) - Ausgabe 2001-146 vom 26.06.2001 - Ressort: Feuilleton
Einen immens fein ausdifferenzierten Mikrokosmos der Mehrklänge entlockte ein hochkonzentrierter Marcus Weiss seinem Saxophon in einer mustergültigen Interpretation von Nettis ruhig strömendem Solostück. Kaum zu glauben, dass solch weiche Übergänge und geschmeidige Überblendungen ohne unterstützende Elektronik möglich sind. Plastisch in den Raumwirkungen und in der Konfrontation der gegensätzlichen Klangmaterialien, die Luigi Nono aus Aufnahmen mit Gidon Kremer gewonnen und für sein achtspuriges Tonband verwendet hat, geriet auch die Interpretation von «La lontananza» mit Clemens Merkel (Violine) und Wolfgang Heiniger (Klangregie). Immer wieder war es, als bräche das Profane des Hier und Jetzt in die geheiligten Sphären entrückter Klangwelten, deren «utopische Ferne» dadurch erst ins Bewusstsein gerät.
Elisabeth Schwind
NZZ 25. Juni 2001
Auch das zweite Netti-Stiick zehrte úbrigens davon, obwohl es eigentlich des Guten zuviel war. 70 Minuten dauert Necessità d'interrogare il cielo fùr Saxophon solo. Der Komponist geht auch hier auf eine minutióse Klangrecherche im Bereich der Mehrklánge und Obertóne, listet die Ergebnisse aber nicht bloss auf, sondern bindet sie auf musikalische Weise in einem weiten Prozess. Marcus Weiss hat das Werk bewundernswert dargeboten. Es war eine etwas strapazióse, aber lolmende Erfahrung. Oberhaupt nimmt die Musik Nettis durch ihre Beharrlichkeit gefangen. Und die bewáhrt sich, vor allem weil sie isoliert erscheint, ohne die Konkurrenz anderer Stúcke - aber so kann man natiirlich kein ganzes Festival gestalten.
Ist von solcher Beschaffenheit der entscheidende Eindruck, der diese Musik im Gedáchtnis erhált? Was uns beirn ersten Mal nicht angesprochen oder gar angesprungen hat, ist vielleicht auf immer vorbei. Da nùtzt der schónste Hinweis auf Partitur und komplexe Kompositionstechniken wenig. Was von dem, was an jenem Novemberwochenende zu hóren war, móchte man nochmals erleben: Alles, vieles oder gar nichts? Oder vielleicht einige aufregende Momente in einem anderen, gelungeneren Ganzen? Spannende Ansátze gab es námlich viele.
Dissonanz # 78, Dezember 02
Italo Calvino once wrote of the opaque, the "depths of the opaque" from which he writes, "reconstructing the map of [...] the geometrical location of the ego, of a self which the self needs to know that it is itself, the ego whose only function is that the world may continually receive news of the existence of the world, a contrivance at the service of the world for knowing if it exists." It is from this same place, these same depths, where I believe the sounds of Giorgio Netti's Necessità d'Interrogare il Cielo first found their origin. Composed by Netti, but performed and interpreted by Marcus Weiss on soprano sax, the four compositions presented here are characterized by "the roar of being alone," (as Valèry once put it), of pure emotion rising from the depths; something raw, intense, immediate. Moving slowly, with rich, sustained tones, harmonies, vibrations, rising with unfettered energy, in turns harsh or gentle against its listener, these pieces are as pure expressions of something beyond the body through which they make themselves known, that unmistakable, unavoidable, infinitely exploitable body of the sax, of its player, and beyond that, of the composer lurking in the shadows, in its depths. Often, when faced with something that has inspired such a profound and moving response from within, I will resort to strange descriptors and articulations, maybe even lacking clarity and focus, strange dream-texts where my impressions seek a narrative line, a logic, on which to trace a line and make some sense of things. The performance by Weiss is unspeakably good; sensitive, measured, faultless. Netti, born in 1963, Milan, has said that his interest lies in "the instrument as an escape point towards which a reading of the world, in sound, is directed." Whether this points to a reading of the world, or a reading of the self through the world, is something to consider, to dream about, as you escape with these sounds, vibrations, suspended harmonics, to new territories and perspectives. Visit the Durian website to read a fascinating article by Netti on his own inspirations, motivations, compositions, dreams.
Richard Di Santo
GIORGIO NETTI: Necessità d'Interrogare il Cielo Durian | 020-2 | CD
Bedenklicherweise spielt die zeitgenössische E-Musik im Kulturleben nur
noch eine marginale Rolle. Umso verdienstvoller sind daher Konzerte, die
Neue Musik in den Mittelpunkt rücken und im besten Fall aufzeigen, dass
der seitens des Publikums oftmals erhobene Vorwurf der Unverständlichkeit
oder der elitären Abgehobenheit zeitgenössischer Musik nicht pauschalisiert
werden darf, sondern dass sich hier vielmehr für den aufgeschlossenen Hörer
ein Feld für neue Klangerlebnisse und Hörentdeckungen auftut.
Im Rahmen der Reihe Neue Musik bei Domnick widmete sich der Basler Saxophonist
Marcus Weiss kürzlich der 1996 begonnenen und im Jahre 2000 abgeschlossenen
Komposition "Necessità d'interrogare il cielo" von Giorgio Netti, einem
gut einstündigen Werk für Sopransaxophon solo, an dessen Entstehungsprozess
Weiss maßgeblich beteiligt gewesen war.
Die Viergliederung des Stücks ermöglichte dem Interpreten von verschiedenen
Standorten aus zu agieren, so dass die Domnick'sche Architektur aktiv in
das Klanggeschehen mit einbezogen werden konnte. Traditionelle Strömungen
mit dem, so Netti wörtlich, "größten experimentellen Wagnis auf einem unveränderten
Instrument zu vereinigen", war bei der Arbeit an seinem Zyklus der erklärte
Anspruch des Komponisten. Entstanden ist somit ein Werk, das die Spieltechnik
des Saxophons revolutioniert, ihm neue Ausdrucksdimensionen erschließt und
dem Interpreten Unmenschliches abverlangt.
Liszt oder Ravel hätten wohl von transzendenter Virtuosität gesprochen,
Marcus Weiss, der fünf Jahre in die Erarbeitung des Werks gesteckt hatte,
vergleicht die Interpretation gar mit einer Himalaja-Besteigung. Mit dem
von Adolphe Sax 1846 erfundenen chromatischen Orchesterinstrument bringt
man Nettis Klangkosmos kaum mehr in Verbindung. Waren die unzähligen akustischen
Epiphänomene, die der instrumentale Klangkörper zu produzieren vermag, in
früheren Zeiten allenfalls als unliebsame Begleiter geduldet, wurden sie
im Laufe der 60er und 70er Jahre von der Neuen Musik mehr und mehr entdeckt
und meist in der Haltung einer bewusst gesuchten Anti-Ästhetik funktionalisiert.
Giorgio Netti ist es gelungen, dieses akustische Potenzial zu sichten, zu
ordnen und musiktheoretisch in Klanggruppen einzuteilen. Dieses hierarchische
Ordnungssystem, das Netti in Analogie mit den Planeten und Trabanten eines
Sonnensystems setzt, ist zugleich das formgebende Element von "Necessit|2a".
Nicht improvisierend, vielmehr einer genau ausnotierten Partitur folgend,
spielt der Solist fast durchweg mehrstimmig, erforscht innerste Innenräume
seines Instruments, lotet dabei dynamische und atmosphärische Extreme aus
und schafft eine in dieser Form noch nie gehörte Polyphonie. In der Tat
ein außergewöhnliches Musikereignis, das Marcus Weiss seinen zahlreichen
Hörern in der Stiftung Domnick bescheren konnte. Bleibt zu wünschen, dass
das rege regionale Kulturleben sich auch weiterhin so engagiert um Neue
Musik bemüht.
Florian Stegmaier
Nurtinger Zeitung 2 january 2005: Vom Interpreten wird Unmenschliches verlangt
Neue Musik bei Domnick: Der Saxophonist Marcus Weiss mit einer Komposition
von Giorgio Netti
Am Sopransaxofon – einem nicht gerade verschwenderisch mit Literatur bedachten Instrument – führte Marcus Weiss hier ein Stück des italienischen Komponisten Giorgio Netti auf: “Necessità d’Interrogare il Cielo”. Netti, der sich um kompositorische Strömungen gemeinhin wenig schert, schraubt für seine Stücke an den jeweils verwendeten Instrumenten mit großer eigenbrötlerischer Besessenheit herum, und zwar so lange, bis er eine Anzahl von Klängen gefunden hat, von denen selbst versierte Spieler nichts wissen. Eine Meditation über das geheimnisvoll verzweigte Innenleben des Saxofons war das Resultat dieser seiner Bemühungen: Feinste Resonanzen, Obertonakkorde und mikrotonale Abweichungen von Klarheit und zarter Sinnlichkeit nahmen das Publikum gefangen. Und: Typische Saxofon-Klischees wie Brachialklänge oder Jazz-Allusionen waren in dieser lichten Klangwelt bestenfalls in Spurenelementen zu finden.
Von Ulrich Pollmann
Der Tages Spiegel 31.01.2006
Lob des Monologs. Wie viel Naivität darf sein? Zum Abschluss des Berliner
Ultraschall-Festivals
