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Reviews

Zum Streichquartett ) place ( von Giorgio Netti

by Anouk Jeschke

Ansatzpunkte für das von den Züricher Tagen für Neue Musik 2001 in Auftrag gegebene Streichquartett ) place ( waren die Auseinandersetzung mit der physischen Qualität des Streicherklanges und die Erforschung des Streichinstrumentes. Schon zuvor hatte Netti sich mit Instrumentenkörpern beschäftigt und seine Instrumentalstudien kompositorisch verarbeitet

Die Materialität des Streichinstrumentes, das Holz von Resonanzkörper und Bogen, die Bogenhaare, das Metall der Saiten, Spannung und Druck, Reibung und Vibration inspirierten den Komponisten zu Klangexperimenten, welche schließlich in der Idee der «erweiterten Stege» mündeten. Der Steg, als Brücke zwischen der schwingenden Saite und dem Resonanzkörper, aber auch als eine die vier Saiten untereinander verbindende Brücke, geriet ins Zentrum der Aufmerksamkeit. «Das Bild der Brücke geht auf die Antike zurück, musikalisch und nicht nur; im 19. Jahrhundert wurde im Detail versucht, seine Wurzeln zu erhellen. Ich glaube, seine immer noch aktuelle Kraft besteht darin, dass die Brücke ein dritter Ort ist zwischen den beiden ist, die sie zusammenbringt, ein ‚anderer‘ Ort, schwebend, vielleicht exakt der Ort der Entfremdung: es geht nicht darum, die unterschiedlichen Gewohnheiten des benachbarten Gebietes zu erforschen, auf einer Brücke gibt es keine Gewohnheiten, nur die Leere, die darunterliegt, für einen Augenblick wird sie erfüllt.» Die Brücke (der Steg) gilt Netti als ein Symbol des Verbindenden, aber auch des Dazwischen-Liegenden, als ein «Ort der Entfremdung» oder ein «Nicht-Ort».

Der Klang am Steg faszinierte ihn, Bogengeschwindigkeit und Bogendruck bestimmen an dieser Stelle in besonderem Maße den Obertonreichtum des Klangs. Aus dieser Zone sieht er unzählige «Wunderlichkeiten» hervorgehen, sie ist allerdings durch allzu häufige Frequentierung schon weitgehend zu einem leeren rhetorischen Ort geworden. «Trotz allem kehrte beim Spielen mein Bogen immer wieder an diese Stelle zurück, um diese Vibration zu erzeugen, die mir über die Schwingung der Saite und der Tonhöhe hinauszugehen schien: ich spürte eine Gegenwart, ich suchte sie... Sie begann mir vom Haar, das atmet, zu sprechen, dann von den anderen Saiten, vereint, die hier nahe am Steg, über ihm, erklangen; der Steg ist traditionellerweise sozusagen eine Kante, daher das, was hier passiert, verdichtet ist und anscheinend ununterscheidbar im Detail; ich habe mich gefragt, was geschehen würde, wenn er breiter wäre, wenn die Saiten mehr als einen Punkt gemeinsam hätten, einen Bereich vielleicht? So entsteht die Idee von den erweiterten Stegen und von der unendlichen instrumentalen Erforschung, die von diesen ausgeht, die Landkarten des Steges, der Platz.»

Normalerweise nur ein schmaler Grat, auf dem der Bogen wandern kann oder dem er sich von verschiedenen Seiten nähert, wird der Steg nun künstlich erweitert, durch die Präparation des Instrumentes mit verschiedenen Materialien. Zwischen die Saiten werden nach einem genau vorgeschriebenen Muster teilweise geknickte feste und flexible Telefonkarten, Plasikstreifen und dünnes Metall geklemmt. Auf diese Weise entsteht eine Vielzahl von Stellen, an denen mit den Haaren oder dem Holz des Bogens gestrichen bzw. gezupft werden kann.

Der «Bogen als Vermittler» nimmt ebenfalls eine besondere Stellung ein, er ist «Haar, Grat, Profil, Schranke, bewegliche Grenze, Maß, wie ein instrumentales Sinnesorgan, ohne das alles schweigt, ununterscheidbar, kompakt; der Bogen ist der Tastsinn, er hat eine Handfläche und einen Handrücken, eine Innen- und eine Außenseite, zwei Gesichter also, das zweite ist das antike, extreme, absolut nicht dehnbare, hölzerne (das Holz): es hält die der geschriebenen Kultur vorausgehenden Erinnerungen zusammen, vielleicht gerade wegen dieser Kraft des Zusammenhalts spannt er die nachfolgende Kultur (die Haare).»

Der Teil des Bogens, mit dem gespielt wird (Holz oder Haar), der Winkel zur Saite, die Kontaktstelle auf der Saite bzw. den Karten, die Strichgeschwindigkeit und der Bogendruck: aus all diesen Parametern resultiert ein Kaleidoskop von neuartigen, fast elektronisch verstärkt wirkenden Klängen, ein sehr geräuschhaftes, das Materielle betonendes Klanggeflecht.

Die Komplexität von ) place ( liegt in den äußerst differenzierten Arten der Klangerzeugung auf den präparierten Streichinstrumenten. Um die Polyphonie der Stimmen möglichst deutlich wahrnehmbar zu machen, sollen sich die Spieler in größtmöglicher Distanz zueinander postieren. Netti wünscht sich zudem eine nicht zu trockene Raumakustik, die es den verschiedenen, teilweise an der Grenze zur Unhörbarkeit liegenden Klängen erlaubt, sich in idealer Weise zu entfalten. Der Neuartigkeit seiner Sprache entsprechend entwickelte Netti sorgfältig eine spezielle Notation, bei der er die Tonhöhen dem dominierenden Aspekt der Klangerzeugung gemäß in einem separaten System unterhalb der Vorgaben für die vier Saiten, besonderer Spielweisen und der jeweiligen Kontaktstelle auf oder neben den Karten anordnete.

Als eine Inspirationsquelle für mehrere seiner Stücke nennt Netti das plastische Werk des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti (1901-1966). Die Auseinandersetzung mit räumlichen Problemen zieht sich als ein roter Faden durch Giacomettis Gesamtwerk. In seinen nach 1945 entstandenen Plätzen mit menschlichen Figuren ist das zwingende Raumerlebnis noch das gleiche, wie in seinen früheren surrealistischen Arbeiten. Fast auf ihr Skelett reduziert, durchqueren die Figuren ausschreitend den Platz, jede für sich durch ihre Bewegung eine eigene Richtung markierend. Bei anderen Plätzen wachsen sie wie aus dem Boden auf, stehen gebannt wie Bäume; jede Bewegung zur Seite ist ihnen versagt und nur ihre «Hoheit» bleibt ihnen als Dimension. Eine dieser Plastiken mit dem Titel «Komposition mit drei Figuren und einem Kopf» (1950) regte die Komposition von ) place ( direkt an: «Eines Tages in einem Museum, hinter meinem Rücken, nahm ich etwas wahr, das mich im nächsten Raum erwartete. Ich drehte mich um und sah dort den winzigen, riesigen Platz. Seine Grundfläche betrug nicht mehr als 50 cm2, aber die drei Figuren und der Kopf ohne Körper, seine einzigen Bewohner, dehnten ihn mehr aus als im Freien. Der Kopf wurde ein Violoncello, zwei Violinen und Viola die drei stehenden Figuren.» Das Violoncello hat dementsprechend eine hervorgehobene Rolle in dem Streichquartett erhalten.

Mit dem Titel des Streichquartetts verbindet der Komponist eine ganze Welt von Erscheinungen, nur teilweise gehen diese Assoziationen auf sein Verständnis der Kunst Giacomettis zurück. Der Zeichensetzung (den invertierten Klammern) kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. «Der Platz ist kein fester Punkt, er ist eine Leere, die man mitteilt und abgrenzt. Er ist der Raum, der für die Begegnung der Menschen untereinander und insbesondere für die Begegnung zwischen der Natur und dem Artifiziellen da ist: er öffnet sich dorthin, wo das Zerstreute zusammengehalten wird, wo das bewegliche Fragment wieder Teil eines Mosaiks wird, zur Strömung wird, die sich verlangsamt und ausbreitet. [...] Der Platz schweigt, er ist ein gespanntes Trommelfell, das beim Hören Klang wird. Die Umkehrung der äußeren Glieder im Titel ) place ( setzt die unendliche Abtastung der den Platz durchquerenden Augenblicke in Klammern, um zu einer möglichen Matrix dieser Augenblicke zu gelangen. Alles ist also in Klammern, abgesehen von dem Ort des Geschehens, da alles an ihm sich orientiert und in ihm wiedergeboren wird. ) ( bedeutet zwei Flügel, zwei Ohren, zwei Brücken, zwei Lächeln, und ein Ort in der Mitte: der menschliche/instrumentale Körper mit seiner Erinnerung, die dort enthaltenen Resonanzen werden mit den Jahren Materie, ihrerseits Leben.»

) place ( entspinnt sich mittels sieben verschiedener «Strömungen» oder Kraftlinien, die der Komponist als für ihn relevante Fragen aus den Spuren der Tradition herausgefiltert hat. Die Auseinandersetzung mit den Meisterwerken der Gattung Streichquartett ergibt eine «gebildete Sammlung von Fragmenten», aus denen zitiert werden könnte, oder aber, wie es Netti vorzieht, von denen abstrahiert wird, um ihre einzelnen «Anrufe» neu zu hören. Die Gattung ist traditionell am stärksten von ihrem jeweiligen Autor geprägt: das Streichquartett als ein vielfach zuvor begangener Ort, von Spuren übersät, so dass es fast unmöglich scheint, ihn heute noch zu durchqueren. Die Kontinuität der Geschichte des Streichquartetts ist in Nettis Augen dennoch gegeben, daher die Notwendigkeit, zu abstrahieren und neu zu hören.

Diese sieben Strömungen kehren als Überschriften der sieben Abschnitte des Streichquartetts, die meist ohne Pause ineinander übergehen, wieder: I ostinato (Ostinato), II memoria (Erinnerung), III espressione (Ausdruck), IV saturo (gesättigt), V cuore (Herz), VI curvo atemporale (zeitlose Kurve) und VII apparizione (Erscheinung). Diese Kraftlinien dominieren jeweils einen der sieben Teile von ) place ( und lassen sich in der Reihenfolge von der höchsten bis zur niedrigsten Dichte ordnen:

saturo: maximale materielle Dichte in Abwesenheit von Rhythmus und Pulsation, tendenziell un-durchsichtig.
ostinato: hartnäckige Wiederholung eines Motives, das zu einem hypnotischen Pulsieren neigt. memoria: in diesem Fall als Synchronie (gleichzeitiges Klingen) gedacht, Gleichzeitigkeit von jetzt und damals, dazu breiter Gesang.
cuore: die Beweglichkeit des Streichinstruments, seine Fähigkeit, ohne Unterbrechung die klassischen Parameter von Klangfarbe (Abstand zum Steg, aber nicht nur), Höhe (durch die Abwesenheit von Tasten) und Dichte zu transformieren, schließlich seine fast gänzliche Unabhängigkeit vom Atem; und das Quartett, indem es vier in einem ist (oder besser drei plus eins in einem, womit das Cello gemeint ist, s.o.), verursacht die Summe, die Subtraktion, das Produkt der einzelnen Teile und bringt sie dennoch immer wieder zur Einheit.
espressione: die Augenblicke, die das Ganze enthalten, dieser Zustand von höchster Kommuni-kation der Materie, in dem ein einzelner Klang zur Wiedererkennung der Musik reicht, in der er enthalten ist. apparizione: das Auftauchen, die Manifestation von etwas in sich vollendetem, «reine Präsenz», die jede Beziehung von Ursache und Wirkung auslöscht und damit auch das Frühere und das Folgende, hebt uns zu einem Jetzt ohne Grenzen. curvo atemporale: das Jenseitige, der Raum innerhalb und hinter jeder Form, die Abwesenheit einer Spur, zu der jede Form/Individualität fliehen möchte und auf die sie verweist

Jeder Satz enthält verschiedene «Hörpunkte», das heißt Abschnitte, die sich wieder aus den unterschiedlichen Einzelströmungen zusammensetzen. [...]

Giorgio Nettis Werk setzt Tradition fort, aber verwandelt, neu geformt, neu ausgerichtet: «Mich interessiert die Energie, die sich aus Erhaltung und Bewahrung entwickelt; es ist diese energetische Präsenz, die für mich den Unterschied zwischen «Zustand» und «Stasis» bezeichnet; ich spreche also nicht von Unbeweglichkeit, die durch die Abwesenheit einer tätigen Energie (Kraft) entsteht, sondern von einem potentiellen Energiezustand, der sich bis in die Jetztzeit erhält (Gegenwärtigkeit), in jedem Augenblick neu, der Dank seiner inneren Kraft während des Hörens die Erinnerung verbrennt, als Transportmittel einer kontinuierlichen Oszillation zwischen Vergangenheit und Zukunft, als Mittel der formalen Verarbeitung, der Rekonstruktion der Form.» Im Gegensatz zu traditioneller Musik macht Netti keinen Unterschied zwischen Tönen und Geräuschen, für ihn «existieren nur mehr oder weniger komplexe Vibrationen in Abhängigkeit vom Kontext, wie/wo/wann man sie hört.» Durch diese Art des «gerichteten Hörens» gelingt es ihm, auch Alltagslaute, zum Beispiel Maschinen- oder Verkehrsgeräusche, als Musik wahrzunehmen und zu einer allumfassenden, poetischen Weltsicht zu gelangen: «in meinem Werk suche ich den Sinn, den mehr als logischen, intuitiven Sinn, der sich ausbreitenden Fragmentation aller Tage, im Hören, in der Musik, in Orten, Vorstellungen, Schriften, im Lesen, in Unterhaltungen, Beziehungen, Bewegungen, Haltungen...»

aus: Programmheft zum Thema "Komplex" im Rahmen Konzertreihe Fünf Fenster auf das Streichquartett seit 1950, kuratiert und ausgeführt vom Kairos Quartett, Berlin.