Reviews on ) place (
Das interessanteste Werk des Abends stanunte vom 1963 in Mailand geborenen Giorgio Netti. Netti erarbeitete sich im Laufe der Jahre eine dezidierte Individualspraclie in Bezug auf die GeräuschkläiWe, für deren Zustandekommen er beispielsweise Telefonwertkarten zwischen die Saiten der Streichinstrumente klemmt. Auch bei )Place(, spielte die Erforschung der Musik, die sich am und um den Ton-Steg entwickeln kann, eine zentrale Rolle. )Place(, ist übrigens ein Auftragswerk der Tage fur Neue Musik Allerdings wurden erst drei der insgesamt sieben Sätze rechtzeitig fertig. Das komplette Streichquartett soll daher nächstes Jahr konzertant wiedergegeben werden.
Von Karlheinz Pichler
[Neue Vorarlberger tageszeitung: Kultur 18/09/01]
The Kairos Quartet demonstrated that the Arditti Quartet is no longer the indisputable exponent of new music for the medium. Richard Barrett’s recent 13 Self-Portraits lost nothing in comparison with Rihm’s well-established Eighth Quartet, but the most extraordinary item was Giorgio Netti’s )place(, for String Quartet. Netti introduced a complete repertoire of new sonorities, which seemed to be suspended in space, compelling rapt attention throughout the half-hour duration.
Huddersfield Festival of Contemporary Music: FESTIVAL REVIEW (11/2002)
Ein reichhaltiges Programm mit komplexer Musik boten die Tage für Neue
Musik Zürich am vergangenen Wochenende. Vier Schweizer Stücke stachen dabei
wohltuend hervor.
Hören ist subjektiv und spontan. Wiederholt wird nichts. Wir steigen nie
in denselben Hörfluss. Was uns beim ersten Mal nicht angesprochen hat, ist
vielleicht auf immer vorbei. Das tönt banal, hat sich aber mit Radio und
CD nur geringfügig verändert. Der Liveeindruck entscheidet. Wiederbegegnungen
sind selten. Dabei wären sie ein vergleichsweise einfaches Mittel, Neue
Musik ein bisschen vertrauter zu machen, aber in der Eile bleibt kaum Zeit.
Von einem solchen Wiederhören profitierte bei diesen Tagen für Neue Musik
Zürich das Streichquartett «)place(» des Italieners Giorgio Netti (TA vom
Samstag): Vergangenes Jahr war es fast spurlos vorbeigezogen, diesmal wurde
es am Eröffnungsabend zum Erlebnis. Und das zweite Netti-Stück zehrte davon,
obwohls eigentlich des Guten zu viel war. 70 Minuten dauert «Necessità d’interrogare
il cielo» für Saxofon solo. Der Komponist geht auch hier auf eine minuziöse
Klangrecherche im Bereich der Mehrklänge und Obertöne, listet die Ergebnisse
aber nicht bloss auf, sondern bindet sie auf musikalische Weise in einen
weiten Prozess. Marcus Weiss hat das Werk bewundernswert dargeboten. Es
war eine etwas strapaziöse, aber lohnende Erfahrung. [...]
Thomas Meyer
[16:40 Uhr | Dienstag, 03. Dezember 2002 Artikel: Energieströme und Ruhepunkte]
Der eine Eindruck záhlt. Von einem Wiederhóren profitierte bei diesen Tagen für Neue Musik Zürich immerhin das Streichquartett )place( des Italieners Giorgio Netti: 2001 war es im Festivalprogramm fast spurlos vorbeigezogen, diesmal wurde es am Eróffnungsabend, solo prásentiert, zurn Erlebnis. Das Kairos Quartett erzeugte durch die Práparation der Saiten mit Plastikkarten und Metallen ungewóhnliche geráuschhafte, aber faszinierende Klánge. Verschiedenste Stricharten wurden verlangt, kaum ein richtiger Ton erschien, aber dafùr gelang es Netti, gleichsam ins Innere der Instrumente vorzudringen. Man glaubte den Hohiraum, das Holz, die Saite materiell zu hóren. Und plótzlich entfalteten sich diese Obertóne und Nebengeráusche auch in der hohe Halle des Zùrcher Stadthauses.
Dissonanz # 78, Dezember 02
Bereits vor einem Jahr waren an den. Tagen fúr Neue Musik Teile daraus
zu hóren gewesen. Nun ist das Streichquartett «place» von Giorgo Netti vollendet
und kam in der Halle des Stadthauses zur Urauffúhrung. Die Verbindung von
geráuschhaften Elementea mit Klangforschung im Obertonbereich verleiht dem
Stack scinen eigentiAmbchen Reiz. Mittels einfacher Práparierung der Saiten
erweitert Netti die Klangmóglichkeiten des Instrumentariums.
Doch ain Anfang steht der Klang als Erregung der Materie: Holz, Haar und
Harz des Bogens reiben sich arn Metall der Saiten. Diese ReibungswArme bleibt
im weiteren Verlauf des Stiickes erhalten, wenn sich die Musik gleichsam
in ihr Inneres zurackzieht; so glimmt auch in den leisesten Klángen die
vorher aufgebaute energetische Ladung unterschwellig weiter. Dennoch ist
es ein schmaler Grat, auf dem sich das Stúck,bewegt, birgt doch die Vereinfachung
der Textur die Gefàhr der Banalisierung in sich. Dàs Abgleiten in die Untiefen
beliebigen New-Age-Gesáusels verhinderte das Kairos-Quartett mit einer konzentrierten
und souveránen Wiedergabe, die eine allmáhliche Veránderung der Wahmehmung
bewirkte. Standen zu Beginn musikalische Abláufe wìe Verdichtung und Entspannung
im Zentrum der Aufmerksamkeit, entwickelte sich das Stiick zu einer knapp
halbstúndigen Meditation fiber die Wahmehmung der Zeit. Wie behutsam schliesslich
die vier Streicher in die schimmemden Pianissimo-Regionen am Rande des Verstummens
vorstiessen, war von berúckender Wirkung.
Jurg Huber
[NZZ, 9/10 Nov. 02. Schimmernde Klangwelten - Tage fur Neue Musik: Eroffnungskonzert]
Die Halle des Zúrcher Stadthauses wird zwar gelegentlich flir musikalische Darbietungen genutzt, als so idealer Raum wie am Donnerstag hat sie sich allerdings noch kaum je erwiesen. Mit ihrer geradezu- sakralen Akustik und ihrem Nachhall hat sie die Urauffìihrung von Giorgio Nettis Streichquartett «)place(» perfekt getragen. Denn auch hier sind Nachhorchen und Nachklingen von zentraler Bedeutung. Auf ihren mit durch die Saiten geflochtenen Plastikkarten práparierten Instrumenten erzeugten die vier Musiker des Kairos-Quartetts eine stille Tonwelt ungewohnter Streicherfarben. Bisweilen erinnerten diese Sphárenklánge an Windharfen oder gar sanfte elektronische Effekte, die mit ihren in allen Registern erkundeten Obertonwirkungen gleichsam die sphárische Húlle des sachten Geschehens ausmachten. Dazu - oder davor - fúgte sich aber auch Geráuschhaftes oder gepresstes Knirschen: Als ob auf den Hintergrundeiner mit reinen Naturfarben bemalten Leinwand behutsame Kratzer, Lebensspuren geritzt wúrden.
Michael Eidenbenz
[Spharenklange. Mit einem stillen Auftakt begannen die Tage fur Neue Musik.]
Ein musikalisches Ereignis der besonderen Art war schliesslich das Kairos
Quartett mit Giorgio Nettis «place».
Netti (geb. 1963), der sich bis anhin vor allem mit Stiicken fùr Soloinstrumente
auseinander gesetzt hat, packte einen mit scinem hóchst originellen, dichten
und die Zeit auflósenden Beitrag zur Streic'hquartett-Gattung. Unerhórt
die Dramaturgie, die dieser Komponist mit kleinsten Tremoli, sanft, aber
deutlich akzentLúerten Neuansátzen und feinsten Nuancen im Bogenstrich ùber
die halbe Stunde hinweg aufzubauen vermag. Und alles an der Grenze des Geráusch-Ton-Bereichs,
die sich in der t)berakustik des Stadthauses zu einer einzigartigen Dimension
von suggestiver Kraft ausweitete. Ein Werk, das in der Erinnerung haften
bleiben wird.
Sibylle Ehrismann
Aargauer Zeitung nr. 255 – 13/11/02 Unerhórte Dramaturgie
Das musikalische Ereignis des Abends war das Kairos Quartett mit Giorgio
Nettis )place(.
Netti, der sich bis anhin vor allem mit Stúcken ffir Soloinstrumente auscinander
gesetzt hat, packte einen mit seinem hóchst oniginellen, dichten und die
Zeit auflósenden Beitrag zu dieser traditionsschweren Gattung vom ersten
bis zurn letzten Ton. Gebannt folgte man diesen im Geráuschbereich sich
entfaltenden Quartett, das wie ein einziges, grosses Instrument klang. Unerhórt
die Dramaturgie, die Netti mit kleinsten Tremoli, sanft, aber deutlich akzentuierten
Neuansátzen. Und feinsten Nuancen im Bogenstrich aufzubauen vermag. Und
alles an der Grenze des Geráusch-TonBereichs, die sich zu einer cinzigartigen
.Dimension von suggestiver Kraft ausweitet. Eine tolle Leistung des Komponisten
und des Kairos Quartetts.
Sibylle Ehrismann
Zurich Oberlander, Kultur, 9 Nov. 02 - Das besondere Klangerlebnis
Einen gewichteigen Nebenschwerpunkt bestritt Giorgio Netti, geboren 1963 in Mailand. Sein uraufgefúhrtes Streichquartett )place( ,wo schon die umgekehrten Klammern des Titels Bedeutung anzeigen wollen, geriet beim Kairos-Quartett aus Berlin zu ginem veritablen Ohrendffner.
Torbbiorn Bergflodt
Sudkuser nr. 264/4, 14 Nov. 02 - Natur versus Kultur - Tage fúr Neue Musik
Zúrich
